Drei Häuser und ein Blumenladen in Helmstedt
… und ein Pferd kurz vorm Ertrinken
Das Eckhaus Leuckartstrasse 9 in Helmstedt ist eng mit mir und meinen Vorfahren verbunden. Es war sowohl Wohn- als auch Geschäftshaus. Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit dort verbracht und lebhafte Erinnerungen daran.
Begonnen hat alles im Nachbarhaus, das andere Nachbarhaus spielte auch kurz mit, jedoch Hauptakteur ist und bleibt das Eckhaus Nummer 9.
Leider ist niemand mehr da, den ich fragen kann, wie alle Details zusammenhängen. Nach Sichten vieler Fotos, Adressbücher und Dokumente, sowie Recherche im Stadtarchiv stellt sich mir alles aber wie folgt dar:

Das schöne Eckhaus mit Blumengeschäft Leuckartstraße / Harsleber-Tor-Straße (ehemals Stoben 32). Im linken Fenster gut zu sehen, dass auch Obst und Gemüse im Sortiment waren. Das Bild muss um 1963 entstanden sein, da schon der neue Dachstuhl gebaut war. In dem kleinen Haus rechts daneben (ehemals Stoben 31) mit dem Holztor begann die Blumensaga.
Wer waren Paul und Minna Schulz?
Bevor es um das Blumengeschäft und die involvierten Gebäude geht, erst einmal ein kleiner Steckbrief der Hauptpersonen dieses Artikels – meiner Urgroßeltern und Großeltern mütterlicherseits.

Karl Hermann Paul Schulz
* 05.12.1885 bis † 25.11.1965

Minna Friederike Christine Marie Schulz, geb. Schuster
* 15.08.1885 bis † 08.08.1957
Paul stammt aus Lättnitz, dem heutigen Lednica in Schlesien, Kreis Grünberg, heute Zielona Gora. Paul war gelernter Gärtner. Er heiratete die aus Helmstedt stammende Minna Schuster am 16.08.1913 in der Kirche St. Marienberg in Helmstedt.
Auch Minna hatte scheinbar eine blumenbezogene Ausbildung. Aus einer Postkarte, die Paul an Minna 1911 aus Schlesien schrieb, geht hervor, dass er diese an einen Blumenladen in Wolfenbüttel schickte, wo Minna zu der Zeit wohl arbeitete. Demnach kannten sich die beiden noch nicht lange.

Die Karte von Paul ist an „Fräulein Minna Schuster – Blumengeschäft in Wolfenbüttel bei Braunschweig – Ecke Neue- und Lange Herzogstraße“ adressiert – aus Unkenntnis der Helmstedter Adresse
Die beiden lebten nach der Hochzeit zuerst in Berlin, wo auch ihre beiden Kinder Lucie Emma Sophie und Werner Paul August geboren wurden.
1926 dann kamen die beiden zurück nach Helmstedt und wohnten in Minnas Elternhaus Stoben 31, bevor sie 1930 das Nachbarhaus Stoben 32 kauften und dort den Blumenladen eröffneten.

Lucie Emma Sophie Hasenkamp geb, Schulz
* 27.10.1920 bis † 19.06.1995

August Paul Wilhelm Hasenkamp
* 19.03.1911 bis † 18.08.1983
Im Jahre 1956, kurz vor Minnas Tod, übernahm meine Großmutter Lucie Hasenkamp geb. Schulz zusammen mit ihrem Mann August Hasenkamp, der Prokurist und Buchhalter war, das elterliche Geschäft.
Davor lebten die beiden in Augusts Geburtsstadt Osnabrück im elterlichen Haus. In Osnabrück wurden auch 1946 meine Mutter Elke Lucie und 1954 meine Tante geboren.
Geheiratet haben die beiden am 09.12.1939 in Helmstedt.
Lage des Hauses
Das Stadtviertel, in dem das Haus in Helmstedt steht, liegt vor den Stadtmauern und gehörte bis ins 18. Jahrhundert zur Vorstadt Neumark. Die Verlängerung der Harsleber-Tor-Straße über den Hausmannsturm hinaus heißt diesem Umstand geschuldet heute noch Neumärker Straße und bildet die Einkaufs- und Fußgängerzone der Stadt.
Das Eckhaus befindet sich heute an der Kreuzung von Leuckartstraße und Harsleber-Tor-Straße mit direkter Sicht zum Hausmannsturm, dem letzten noch erhaltenen Stadttor im Westen Helmstedts.
Aber das war nicht immer so.
Wissenswert: Der Hausmannsturm – ein Wahrzeichen der Stadt
Der Hausmannsturm ist das einzige noch erhaltene Stadttor im Westen der Stadt. Er trennte die Altstadt von der Vorstadt Neumark und bietet heute unter anderem einen Trauraum. Der Turmwächter blies mit seinem Horn die Stunden ab und sorgte für die Sicherheit der Stadt.
Harte zeiten für Briefträger
Das Haus befand sich ursprünglich in der Straße „Stoben“.
Der Stoben entstand im 13. Jahrhundert und wird 1607 zum ersten Mal genannt. Heute besteht die Bebauung in dem Bereich überwiegend aus zweigeschossigen Fachwerkbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. [1]
Die ebenfalls im Helmstedter Stadtkern befindliche Stobenstraße hat übrigens nichts mit dem ehemaligen Stoben zu tun.
Der Stoben unterlag im Laufe der Zeit zweier gravierender Namens- und Nummerierungsänderungen.
1: Nummerierungen
In den Adressbüchern von 1894 und 1896 gab es im Stoben die Hausnummern 29, 29a, 30 und 31. Im Adressbuch von 1902 jedoch fiel die 29a weg und es gab 29, 30, 31 und 32. Aufgrund der Assekuranz Nummern der Brandversicherung wird klar: Die 29a wurde zur 30, die 30 zur 31 und die Nummer 31 zur Nummer 32.
Der Wechsel muss also zwischen 1896 und 1902 geschehen sein. Leider existieren im Stadtarchiv Helmstedt keine Informationen darüber. Schade.

Adressbuch 1894
Die 29a hatte Ass-# 1119, die 31 die Ass-# 808

Adressbuch 1902
Die Ass-# 1119 ist nun die 30, während die Ass-# 808 zur 32 wurde
2: Straßenverlauf
Das war nicht die einzige Veränderung der Adresse. Die Straßenführung und -benennung wurde 1955 gravierend geändert. Die bereits bestehende kurze Leuckartstraße zwischen dem Großen Katthagen und der Marienstraße wurde über den Stoben hinaus bis zur Kreuzung Henkestraße verlängert. Die Harsleber-Tor-Straße wurde dann ausgehend vom Hausmannsturm über die Kreuzung Leuckartstraße bis zur Gartenstraße verlängert.
Aus der Adresse Stoben 32 wurde 1955 letztendlich die noch heute gültige Leuckartstraße 9.

Mein einziger Fotohinweis, dass die Straße früher Stoben hieß. Auf dem Bild meine Urgroßmutter Minna Schulz, Schwiegertochter und Enkelinnen, ca. 1953.

Auf den Karten sieht man sehr schön die ursprüngliche kurze Leuckartstraße vor 1955 und den Verlauf nach 1955 in grün. Der Stoben in orange fiel weg, die Harslebertorstraße, die früher einen Knick machte, ist nun gerade und verlängert (blau). Quellen: siehe Bild
Wissenswert: Die Harsleber-Tor-Straße – ein Hinweis auf längst Vergessenes
Vom Hausmannsturm startend hieß sie noch 1885 Harsleber Straße, knickte an der Kreuzung nach Süden in Richtung des heutige Elzwegs ab und hieß dann auf diesem Stück Harsleber-Tor-Straße. Namensgeber war das Dorf Harsleben, welches in der Nähe des Elzwegs gelegen haben soll, jedoch bereits im Mittelalter zerstört wurde. Dieser Teil gehört heute ebenfalls zur Leuckartstraße.
Alles begann im Nachbarhaus
Bevor es zum eigentlichen Haus geht, müssen wir im kleinen angrenzenden Nachbarhaus, der heutigen Leuckartstr. 11, früher Stoben 31, beginnen.
Dort beginnt nämlich die Geschichte des späteren Blumengeschäfts. Meine Urgroßeltern Paul und Minna Schulz zogen am 15.05.1926 mit ihren beiden Kindern Lucie und Werner aus Berlin Hermsdorf in das Haus Stoben 31, dem Elternhaus von Minna.
Seit diesem Tag besteht auch das Geschäft „Paul Schulz Blumen- und Kranzbinderei“, was auch aus dem Geschenk des Bürgermeisters und des Stadtdirektors vom 15.05.1976 zum 50jährigen Geschäftsjubiläum hervorgeht. (s.u.)
Im Helmstedter Adressbuch von 1929/30 ist zu sehen, dass es zu dieser Zeit in Helmstedt lediglich ein Blumengeschäft Domröse am Heinrichsplatz 11 und neben anderen Gärtnern eben den „Gärtner Paul Schulz, vormals Witwe Schuster“ im Stoben 31 gab. [2]
Die o.g. Witwe Schuster war meine UrUrgroßmutter Dorothee, geb. Ahrenberg. Ihr Mann Johann Heinrich Friedrich Christoph (genannt Hermann) Schuster war bereits Gärtner in Helmstedt. Die Tochter der beiden, Minna Schuster heiratete dann später den Paul Schulz aus Lättnitz in Schlesien.
Die Gärtner haben in der Familie eine lange Tradition, siehe auch den Beitrag Die Gärtner der Familie
Neben dem Geschäft besaßen die beiden am Elzweg auch eine eigene Gärtnerei. Inwieweit diese schon dem o.g. Heinrich Schuster gehörte, ist unbekannt, da in amtlichen Kataster-, Grundbuch- und Gewerbeunterlagen nichts über diese Gärtnerei zu finden ist.
Auf einer Flurkarte von 1885 ist jedoch zu erkennen, dass in dem fraglichen Bereich am heutigen Elzweg viele Gartenparzellen lagen, von denen sicherlich eine von meinen Urgroßeltern genutzt wurde.

Die alte Meldekarte des Paul Schulz zeigt alle Details von Hinzug zum Stoben 31, Umzug, und der Familienmitglieder, die mit im Haushalt wohnten.
Blumen und noch mehr
Am 15.10.1930 haben die beiden dann das Eckhaus Stoben 32, um das es hier geht, gekauft und sich dorthin umgemeldet.
Als meine Großeltern August und Lucie Hasenkamp, (geb. Schulz, Tochter der beiden), 1956 aus Osnabrück nach Helmstedt zogen, übernahm meine Großmutter 1956 das Geschäft.
Paul Schulz starb 1965, Minna bereits 1957.
Neben Blumen wurden in der Anfangszeit auch Obst, Gemüse und Getränke verkauft. Ich selber kann mich noch erinnern, dass in den 80er Jahren zumindest noch Getränke verkauft wurden.
Im Adressbuch Helmstedt von 1965 steht sogar noch der Eintrag „Hasenkamp Lucie, Obst, Gemüse, Blumen, Kranzbinderei“.
Wann die dazugehörige Gärtnerei am Elzweg aufgegeben wurde, ist unklar. Da diese im Übergabevertrag an meine Großmutter Lucie nicht mehr erwähnt wird, gehe ich davon aus, dass diese zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr existierte.[3]

Paul Schulz beim Arbeiten in der Gärtnerei 1937

Paul Schulz beim Arbeiten in der Gärtnerei 1937

Minna Schulz, geb. Schuster in der Gärtnerei 1937
Räumlichkeiten EG und 1. OG
Das Dachgeschoß ist mir überhaupt nicht mehr in Erinnerung. Ich weiß nur, dass dort immer meine Tante, mein Onkel und mein Cousin geschlafen haben, wenn sie zu Feiertagen mal zu Besuch kamen.

Grundriss aus der Erinnerung (nicht maßstabsgerecht)
Erdgeschoß
Laden und Flur
Es gab zwei Zugänge im Erdgeschoß. Zum einen auf der Seite der Harslebe-Tor-Straße eine kleine Tür, die direkt in einen mit dunklen Steinplatten gefliesten Flur führte. In der Mitte des Flures rechts gab es eine Tür in den Ladenraum, aus dem an der Ecke wieder die Ladeneingangstür auf die Straße führte. Gleich dahinter eine Tür zum Gewölbekeller. Der Flur machte dann eine 90 Grad Biegung und endete nach dem Zugang zur Treppe in den 1. Stock auf der rechten Seite an der Tür zum Ess-/Arbeitszimmer, welches neben einer Tür zur Küche auch eine direkte Tür um Ladenraum hatte. Vorher gab es auf der linken Seite noch die Tür zum Hof.
Das Ess-/Arbeitszimmer
Der vielleicht 15m2 große Raum bestand aus einem großen, schweren Holzschreibtisch gleich rechts an der Wand, danach die Tür zum Ladenraum und einer Eckbank mit Tisch und zwei Stühlen in der Ecke. Ich glaube, in Richtung Küchentür war noch ein kleiner Tisch. An der Wand zwischen Küchen- und Flurtür stand der Ölofen, der wie überall die einzige Art zu heizen war.
Hier spielte sich tagsüber alles ab. Mein Opa saß früher immer an der kurzen Seite der Eckbank und meine Oma, immer auf dem Sprung, in den Laden zu gehen, saß mit dem Rücken zum Ölofen am Tisch.
Küche
Links ein Tisch. der Kühlschrank und eine Küchenzeile mit Spüle am Ende, Rechts eine Küchenzeile mit Schränken und einem Tisch direkt am Fenster zum Hof
Dort stand überdacht gleich links der Öltank, aus dem mit der Hand immer eine Ölkanne gefüllt wurde, um die Ölheizungen des Hauses aufzufüllen.
Obergeschoß
Ging man die alte Holztreppe nach oben, kam man direkt auf eine Schrankwand zu, die auf der linken Seite eine Tür versperrte, die ursprünglich ins Schlafzimmer führte.
Badezimmer
Wandte man sich nun nach rechts, stand man vor der Badezimmertür. Darin gab es eine Badewanne, die Toilette und ein Waschbecken. Außerdem führte ein Fenster mit zwei Fensterflügeln aud den großen Hof.
In der Badewanne hat meine Großmutter früher immer das getrockete Islandmoos für die Gestecke zum Totensonntag eingeweicht, der frische waldige Geruch war dann immer im ganzen Haus wahrzunehmen.
Am Treppenaufgang ins Dachgeschoß vorbei kam man dann zum
Wohnzimmer
Das große Wohnzimmer bestand links aus einer Sofagarnitur 3-2-1 und einem Sessel, der nach hinten neigbar war und dabei eine Fuß-/Beinauflage hochgelappt hatte, Ich erinnere mich, dass das immer der Sessel meines Großvaters war. Außerdem gab es einen Kacheltisch und inks in der Ecke eine große, zimmerhohe Pflanze.
Mittig im Raum, zum Sofa gerichtet, stand der alte Schwarzweiß-Röhrenfernseher, der so alt war, dass das Antennensignal nur über einen Haufen von Adaptern zu empfangen war. Zum Umschalten musste man natürlich noch selber aufstehen. 😉
Davor, an der Wand zur Leuckartstr., stand eine braune Kommode mit einem Aquarium. Was habe ich früher bewundernd davor gestanden, um die kleinen Neonfische, Skalare und Guppies zu beobachten.
Hinter dem Fernseher standen allerhand große Zimmerpflanzen und an einem Gestänge der große Käfig für „Jacky“, den Nymphensittich, der Zeit seines Lebens lieber außerhalb des Käfigs aktiv war und sich nicht mehr einfangen ließ. Nur zum Fressen ging er in den Käfig.
Wellensittiche hatten meine Großeltern auch, allerdings fehlt mir da die Erinnerung dran.
Am Ende des Zimmers dann, zur Harsleber-Tor-Str. hin der große, dunkle, Wohnzimmerschrank, der Lieblingsplatz von „Jacky“.
Rechts davon dann die Tür zum Schlafzimmer.
Anmerkung: Das Wohnzimmer war scheinbar in früherer Zeit noch einmal geteilt, da im Übergabevertrag an meine Großmutter noch von „einem kleinen Zimmer“ die Rede ist. Auch meine Großtante, die ebenfalls einige Jahre im Haus lebte, meinte, dass es dort en Zimmer gab. Ich kenne das aber nicht mehr.
Schlafzimmer
Vergleichsweise unspektakulär eine Kommode, eine große, weiße Bettgarnitur mit integrierten Nachtschränken und dazu passend ein großer Kleiderschrank. Ich habe hier als Kind oft schlafen dürfen.
Rund ums Eck

Das Haus Harsleber-Tor-Str. 8. Schön in der Verlängerung ist der Hausmannsturm zu sehen
Im Jahre 1961 kaufte meine Großmutter Lucie das angrenzende Nachbarhaus Harsleber-Tor-Str. 8. Warum, kann ich nur spekulieren. Es dürfte strategische Gründe dafür geben. Vielleicht wegen der ungeklärten Verhältnisse auf dem Hof.
Letztendlich wurde das Haus dann 1974 wieder verkauft und es wurde ein Nutzungsrecht für Teile des Hofs und der Bebauung vereinbart.
Ställe, freie Flächen und ein fast ertrunkenes Pferd

Die Flurkarte von 1961 zeigt, wie verwinkelt der Hofbereich der Grundstücke Harsleber-Tor-Straße 8 und Leuckartstraße 9 war. Blau im Bild der ursprüngliche Grund zur Leuckartstraße 9, Rot und Grün gehörten zur Harsleber-Tor-Str. 8.
Nach dem Kauf wurde der grüne Bereich zum Eckhaus gerechnet.
Die abgedunkelte Teile im Bild sind Ställe gewesen.
(A)/(B): Laut Flurplan bebaut, zu meiner Zeit jedoch nicht mehr existent. (A) war noch als roter kleiner Absatz erkennbar.
(C): Laut Plan bebaut, kenne ich aber nur als Brachfläche.
(D): Die Ställe in diesem Bereich wurden von meinen Großeltern als Lagerfläche genutzt.
(E) Hier stand der alte Öltank; die Heizungen im Haus waren einzelne Ölöfen, die per Ölkanne gefüllt werden mussten.
(F) Der Durchgang zur Harsleber Tor Str. war überdacht und bildete mit den Ställen und dem Wohnhaus eine Einheit. Auf dem Foto weiter oben ist der Ausgang in Höhe der Frau schön zu sehen.
(G) Hier war früher das Plumpsklo mit einer Jauchegrube darunter. Kleine Anekdote am Rande: Meine Urgroßeltern besaßen ein Pferd, Max, was zu der Zeit ebenfalls in den Ställen stand. Max brach eines Tages durch die Bretterabdeckung der Grube, drohte zu ertrinken und wurde nur knapp gerettet. Zu meiner Zeit war die Grube bereits zugeschüttet und mit Pflastersteinen belegt, jedoch waren diese in dem Bereich deutlich abgesackt.
Die Bewohner seit 1894
| 1894 | Grünewald, Friedrich | Hoppe, Friederike, Witwe | Senger, Franz, Bergmann | |
| 1896 | Grünewald, Friedrich | Hoppe, Friederike, Witwe | Kotzur, Johann, Bergarbeiter | |
| 1902 | Siemann, Wilhelm, Drehorgelspieler | Hoppe, Friederike, Witwe | Jorns, August, Arbeiter | Herzberg, Carl, Musiker |
| 1920 | Dube, Wilhelm, Arbeiter | Lüpke, Friedrich, Heizer | Thier, Franz, Arbeiter | |
| 1929 | Döring, Hermann, Wärter | Lüpke, Friedrich, Heizer | Lüpke, Marie geb. Loock, Witwe |
Die Daten stammen aus den entsprechenden Adressbüchern der Stadt Helmstedt und stellen den IST-Zustand zum jeweiligen Jahr dar.
| 1930-1965 | Schulz, Paul, Gärtner | ||
| 1930-1957 | Schulz, Minna geb. Schuster | ||
| 1930-1956 | – Sohn Werner, später Kupferschmied und Installateur | ||
| -1956 | oo Schulz, Käthe geb. Kettler | ||
| -1956 | – Tochter | ||
| -1956 | – Tochter | ||
| 1930-1994 | – Tochter Lucie, später Ladenbesitzerin | ||
| 1957-1994 | oo Hasenkamp, August, Buchhalter | ||
| 1957-1967 | – Elke | ||
| 1957-1974 | – Tochter | ||
| 1949 | Hübl, Amalia, Hausgehilfin | ||
Meine Großmutter Lucie wohnte zwischenzeitlich mehrere Jahre in Osnabrück und kam erst 1956 mit meinem Großvater August wieder zurück nach Helmstedt.
Der Eintrag von 1949 „Amalia Hübl“ ist wieder als Momentaufnahme zu sehen. Im Adressbuch von 1953 ist sie nicht mehr eingetragen
Ich weiß von noch mindestens 2 weiteren Haushaltshilfen in den 60er Jahren, leider jedoch kenne ich weder Namen noch genauere Zeitangaben.
Eine Ära geht zu ende
Das Haus wurde 1995 schweren Herzens nach dem Tod meiner Großmutter verkauft. Es war ab 2000 zwischenzeitlich in einem sehr schlechten Zustand, scheint jetzt aber wieder renoviert zu sein. Es gab darin mittlerweile 2 verschiedene Döner Imbisse.
Nach 65 Jahren Geschäftsbetrieb mit Blumengeschäft, Obstverkauf und vielen Menschen, die dort als Kunden, Freunde und Verwandte ein- und aus gingen, geht das Haus nun neue Wege. Ich hoffe, es bleibt noch lange bestehen.
Jedes Mal, wenn ich in Helmstedt bin, schaue ich vorbei, um zu sehen, was sich verändert hat. Schließlich habe ich einen großen Teil meiner Kindheit darin verbracht.
Zeitline 1860 bis 2025
Zum Weiterlesen bitte auf die jeweiligen Punkte klicken – es lohnt sich!
Den einzigen konkreten Hinweis auf das Baujahr des Fachwerkhauses habe ich in einem Finanzamtsformular gefunden. Da wird das Haus mit 1860 und die im Hof liegenden Ställe mit 1880 datiert. Jedoch sind das nur Eintragungen meiner Familie.
Auch wenn man Fachwerkhäuser primär mit dem Mittelalter verbindet (Auch auf der Straße gibt es denkmalgeschützte Häuser aus dem 14. Jahrhundert), so ist es durchaus plausibel, dass es sich um einen späten Bau handelt, da die Räume schon groß und komfortabel geschnitten sind. Große Deckenhöhe, wenig verwinkelt. Außerdem ist der Großteil der Häuser auf diesem Straßenabschnitt auf das 18. und 19, Jahrhundert datiert. [1]
Sollte ich diesbezüglich noch mehr Informationen bekommen, trage ich das natürlich an dieser Stelle nach.

Das Formular
Am 15.05.1926 sind meine Urgroßeltern Paul Schulz und Minna, geb. Schuster, aus Berlin in das Nachbarhaus Stoben 31 gezogen. Hierbei handelt es sich um das Elternhaus meiner Urgroßmutter.
Ebenfalls am 15.05.1926 gründet Paul die „Paul Schulz Blumen- und Kranzbinderei„, welche erst einmal von hier aus betrieben wird.

Der wunderschöne Merian-Stich „Helmstetvm Saxoniae Ciuitas etQ Academia Iulia Hospitium“ hängt bei mir im Wohnzimmer und zeigr eine Ansicht Helmstedts von 1654

Die Widmung auf der Rückseite zum 50jährigen Geschäftsjubiläum am 15.05.1976 mit Unterschriften des Bürgermeisters und Stadtdirektors
Zum 15.10.1930 melden sich meine Urgroßeltern bereits in das Eckhaus um.
Aus einem Grunderwerbssteuer-Vorauszahlungsbescheid vom 15.10.1930 geht hervor, dass mein Urgroßvater Paul Schulz das Haus Stoben 32 für einen Betrag von 6000 Reichsmark gekauft hat. Im eigentlichen Grunderwerbssteuerbescheid zeigt sich, dass der Eigentumsübergang dann letztendlich am 10.11.1930 stattfand.
Der Verkäufer stammte aus der Nähe von Grevenbroich. Vermutlich ist der letzte Bewohner verstorben und die Erben haben über die Ferne verkauft.
Laut Adressbuch von 1929/30 [2] lebte dort zuletzt
- Lüpke , Marie geb. Loock
- Lüpke, Fr. , Maurer
- Döring, Hermann, Wärter
Kleine Anekdote am Rande: Da alle Loocks in der Region von einer Familie Log aus Emmerstedt abstammen, und sich diese ebenfalls in meiner Ahnenliste befinden, hat schon vorher jemand aus der Familie dort gewohnt.

Die oben genannten Bescheide sind sehr aufschlußreich
Das Jahr 1955 war für Haus und Grundstück sehr bewegend. Meine Großeltern haben einiges investiert, um das Geschäft attraktiver zu machen und die Stadt Helmstedt hat auch mitgewirkt.
Eine neue Adresse
1955 wurde die damalige Straßenführung Stoben – Leuckartstraße komplett in Leuckartstraße umbenannt. Aus dem Haus, was vorher Stoben 32 war, wurde nun Leuckartstraße 9.
Im neuen Gewand
Zwischen September und November 1955 bekam das Haus ein neues Antlitz.
Die Südseite des Gebäudes hatte nur wenige Fenster, die Ostseite hatte lediglich eine Tür und ein kleines Schaufenster, Meine Großeltern entschieden sich zu einer Veränderung: Die Südostecke des Gebäudes wurde herausgenommen und durch eine große Glasfläche rund um die Ecke herum ersetzt. So war der Eingangsbereich ins Geschäft einladender, die Präsentationsfläche hell und attraktiver.

links etwa 1937. rechts 1955. Deutlich zu sehen, die großen Schaufenster, das Fenster an der Südfassade wurde zugemacht
Per notariellem Übergabevertrag vom 17.10.1956 haben meine Urgroßeltern Paul und Minna Schulz ihrer Tochter Lucie rückwirkend zum 01.10.1956 der gesamte Gartenbaubetrieb, das Grundstück und Inventar überschrieben.
Im Gegenzug dazu räumte meine Großmutter ihren Eltern ein lebenslanges Wohnrecht nebst Essen und Kleidung ein, sowie die Verpflichtung zu einem „standesgemässen“ Begräbnis und Setzen eines ordentlichen Grabsteins ein.
Ihrem bereits 1956 nach Hannover gezogenen Bruder Werner Schulz sollte sie eine Abfindung in Höhe von 2000 DM zu zahlen.[3]
Mit Kaufvertrag vom 23.02.1961 kauft meine Großmutter Lucie das Nachbarhaus Harsleber-Tor-Str. 8 für 10.000 DM. Infolge dessen wurde der verwinkelte Hofbereich umgestaltet und zwischen beiden Grundstücken ein Teilnutzungsrecht des Hofes und der Verkehrswege vereinbart. [3]
Das große Feuer und ein neuer Dachstuhl
Am 11.12.1962, mitten in der Weihnachtszeit brach im Dachstuhl aus offiziell unbekannter Ursache ein Feuer aus. Das war ein großer Schock. zum einen, weil sich im Dach die Kinderzimmer befanden, zum anderen, weil das Ganze ja auch wieder neu gemacht werden musste. Außerdem fiel das Weihnachtsgeschäft aus.
Das Haus war zum Glück brandversichert und schon im März 1963 wurde der Dachstuhl erneuert. Aus der Einzelgaube wurde in dem Zug eine Doppelgaube gemacht, auch der Grundriss der Zimmer wurde verändert.
Das neue, bis heute bestehende Erscheinungsbild ist ganz oben auf dem Bild am Anfang dieses Beitrags zu sehen.

Großer Schock in Helmstedt – Dachstuhl brennt in der Leuckartstraße – Quelle: Helmstedter Nachrichten 12.12.1962

Im Mai 1963 dann der Neubau und die Neugestaltung des Dachstuhls, Schön zu sehen: die Gaube wird zu einer Doppelgaube. Rechts die Unterschrift meiner Großmutter, geschrieben in Sütterlin. [7]
Das Haus Harsleber-Tor-Straße 8 wird am 15.01.1974 für 27.000 DM wieder verkauft, die gegenseitige Hofnutzung bleibt gegen 1000 DM Ablöse des Käufers bestehen.[4]
Nach langer Krankheit verstarb meine Großmutter Emma Sophie Lucie Hasenkamp am 19.06.1995. Bereits seit Mitte 1994 war der Blumenladen deshalb geschlossen und ihr Traum war es bis zuletzt immer wieder, dass der Laden bald wieder öffnen würde.
Das Haus ging dann per Kaufvertrag zum 01.09.1995 für 150.000 DM an einen neuen Besitzer über. Meine Tante und meine Mutter hatten den Verkauf geregelt.
Im Rahmen der Ahnenforschung und zum Wiedersehen einiger Freunde komme ich alle Jubeljahre mal wieder nach Helmstedt und schaue mir natürlich auch das Haus und andere wichtige Plätze meines Lebens an.
Im August 2025 erfuhr ich über Facebook, dass wieder ein neues Döner Restaurant in dem Haus eröffnet hat und ich fasste den Mut, die Betreiber anzuschreiben und nach einer Besichtigung zu fragen. – Sie sagten ja und voller Wehmut betrat ich das Geschäft und der Besitzer ließ mich in das Haus – nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder!
Was soll ich sagen, die größten Veränderungen treten schon beim Betreten der ehemaligen Ladenfläche in Erscheinung. Die Mauer zum Esszimmer wurde entfernt, dort befindet sich nun der hintere Bereich der Theke, direkt daneben der Zugang zur Küche.
Was mich vor allem irritiert hat, war, dass ich alles viel größer in Erinnerung hatte. Erstaunlich, wie winzig eigentlich alles war.
Dann der Gang auf den Flur. Es kamen sofort alle alten Erinnerungen in mir hoch, die Treppe nach oben, die Tür zu Schlaf- und Badezimmer verschwunden. Das Bad ist nun über das Wohnzimmer erreichbar. Die Badewanne schien fast noch dieselbe von früher zu sein und eine neu gebaute Tür Richtung Hof offenbart, dass der ganze Hof aus auf Stelzen befindlichen Balkonen der benachbarten Häuser besteht! Was sich darunter noch als Hof befindet bleibt unklar, ich war so überrascht, dass ich nicht nachgefragt hatte. Vom Flur im EG aus war der Hof nicht mehr erreichbar.
Im Schlafzimmer war ich nicht, das erschien mir zu privat.
Dann noch eine Treppe höher ins Obergeschoß. Ein sehr seltsames Gefühl, zumal ich mich an das OG kaum erinnern kann. Zu selten war ich da oben.
Alles in Allem befindet sich das Haus in keinem guten Zustand, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Trotzdem sehr traurig.
Danach verabschiedete ich mich von dem Besitzer und als ich aus dem Laden raus war, öffneten sich erst einmal die Schleusen und ich brach in Tränen aus. Ein so überwältigendes Gefühl, kaum in Worte zu fassen.

Wenn sich auch viel verändert hat – der Türgriff ist derselbe geblieben! Sogar die Klebebuchstaben „ZIEHEN“ auf dünnem Messingblech sind noch da. Diese hatte ich selber vor 35 oder 40 Jahren hingeklebt. Das „Z“ fiel damals schon ab, ich hatte das Ganze nicht weit genug in die Mitte geklebt, ich fing hinten an und das „Z“ war zu weit vorne…
Das wird wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein, dass ein Verwandter noch einmal in das Haus gekommen ist. So viele Menschen sind nach fast 100 Jahren Bestehen des Ladens ein- und ausgegangen.
So viel Geschichte, so viele Geschichten, so viele Erinnerungen.
Eindrücke im Wandel der Jahre

1937
Auf dem ältesten Foto ursprünglicher Eingang und bereits ein Schaufenster. Über der Tür das Schild: „Paul Schulz – Gartenbaubetrieb – Kranzbinderei und Samenhandlung“

1955
Änderung des Ladeneingangs mit großen Schaufenstern / Fenster EG an Giebelseite fällt weg

um 1960
Ladeneingang Farbänderung

1963
Nach Brand Doppelgaube / neue Fenster und Blumen-/Zigarettenautomat

um 1983
Blumenautomat nicht mehr vorhanden / orangener Anstrich / kleines Fenster an Giebelseite wird überstrichen, Seitenfenster neben Ladentür sind gewichen.

2011
zunehmender Zerfall nach Verkauf 1998 und Einzug Dönerladen

2019
Ein Schornstein fehlt / neues kleines Fenster an der Giebelseite

2024
Reparaturen und neuer Anstrich

2025
Neuer Dönerladen
Weitere Eindrücke

um 1960
Meine Großeltern Lucie, geb. Schulz und August Hasenkamp vor dem Laden

um 1960
Blick von der Harsleber-Tor-Straße aus Schön zu sehen, dass der Hausmannsturm nicht weit entfernt ist

ca 1937
Ein schönes Bild meiner Großmutter Lucie Hasenkamp geb. Schulz und ihrer Mutter Minna Schulz geb. Schuster vor dem Laden. Die Eingangsfront des Ladens wurde noch nicht umgebaut.

August 2025
Heutige Komplettansicht aller 3 Häuser im Eck
Wichtige Namen im Beitrag: Schulz | Schuster | Ahrenberg | Loock | Log
Quellen:
[1] Helmstedt – Architektur durch die Jahrhunderte, Seite 54/55 – Stadt Helmstedt 1981
[2] Adressbuch Helmstedt 1929/30, Seiten 287, 291 – Kreisblatt Helmstedt
[3] Notarieller Übergabevertrag vom 17.10.1956
[4] Notarieller Kaufvertrag vom 23.02.1961
[5] Notarieller Kaufvertrag vom 15.01.1974
[6] Notarieller Kaufvertrag vom 23.08.1995
[7] Bauschein vom 29.05.1963
